Thesaurierer vs Ausschütter

Ratgeber

Ist der Thesaurierer aus Stiftungssicht ein Saurier?

Eine Abwägung, welche Anlageformen stiftungsgerecht sind

Frank Wettlauffer, Lesezeit: 4min33, FondsFibel 2023, Ratgeber

Thesaurierer vs Ausschütter

Mit der Möglichkeit, Umschichtungsgewinne der Mittelverwendung zuzuführen eröffnen sich ganz neue Welten an Anlagemöglichkeiten – zumindest versprechen dies viele Anbieter. Doch welche Anlagen sind wirklich stiftungsgeeignet, welche davon gibt es nur ohne Ausschüttung, so dass sie für Stiftungen eine neue Anlagemöglichkeit bieten, und welche davon sind für die meisten Stiftungen von Relevanz? Zur Beantwortung dieser Fragen ist zunächst zwischen ertraglos und thesaurierend zu unterscheiden. Denn so trivial wie das klingt, ist es gerade nicht.

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In einem vorherigen Beitrag wurde gezeigt, dass Stiftungen von der neuen Möglichkeit Umschichtungsgewinne zu realisieren wegen vielfältiger Probleme möglichst Abstand nehmen sollten. Statt thesaurierender Produkte wird empfohlen, vor allem solche zu kaufen, welche die gesamten erwarteten Erträge ausschütten. Doch verzichten Stiftungen damit nicht auf große Renditechancen der thesaurierenden Produkte? Bieten nicht ausschüttende Produkte denn keine Vorteile, welche die Nachteile übersteigen. Um zu entscheiden welche thesaurierenden Anlageprodukte stiftungsgeeignet sind muss das Wesen dieser näher analysiert werden. Dazu erscheint es zunächst sinnvoll, den Unterschied zwischen ertraglosen und thesaurierenden Anlagen herauszuarbeiten.

Ertraglose Anlagen bieten keinen intrinsischen Ertrag, sondern sind reine Spekulation auf eine Wertsteigerung. Man hält sie in der Hoffnung, dass jemand anderes bereit ist, beim späteren Verkauf einen höheren Preis zu zahlen. Beispiele sind Gold, Kunstwerke, Wein, (Krypto) Währungen etc. Diese Produkte sind wegen dem Spekulationsverbot grundsätzlich nicht stiftungsgeeignet. Und zwar nicht nur weil sie spekulativ im ökonomischen Sinne sind, sondern auch, weil sie in der Regel riskant und damit spekulativ im juristischen Sinne sind. Ein direkter Erwerb ist somit ausgeschlossen; bei einem indirekten durch Fonds dürfte es auf die erwartete und gut begründete Diversifikationseigenschaft ankommen.

Thesaurierer legen direkt wieder an

Bei thesaurierenden Anlagen wird der Ertrag nicht an den Anleger ausgeschüttet, sondern direkt wieder angelegt. Beispiele sind Aktiengesellschaften, die den Gewinn üblicherweise nicht, oder nur teilweise, als Dividende ausschütten und stattdessen wertsteigernd investieren. Thesaurierend sind auch Null Kupon-Anleihen, (Zero Bonds), die keinen jährlichen Zins zahlen, sondern den Zins gemeinsam mit der Tilgung am Ende der Laufzeit überweisen. Ein weiteres Beispiel sind Private Equity Fonds, bei denen die Erträge erst anfallen, wenn die erworbenen Unternehmen wieder mit Gewinn verkauft wurden. Für Stiftungen relevanter dürfen thesaurierende Wertpapierfonds sein, die erhaltene Zinsen und Dividenden sofort wieder anlegen, statt sie auszuschütten.

Was wird eigentlich ausgeschüttet?

Gründe für das Thesaurieren sind zum einen steuerlicher Natur, aber auch der angenehme Effekt, dass das Fondsvolumen – und damit die Verwaltungsvergütung – automatisch um die jährlichen Erträge gesteigert wird. Auch die meisten ausschüttenden Fonds schütten daher nicht die (durchschnittliche oder vergangene) Wertsteigerung aus, sondern nur die sogenannten ordentlichen Erträge. Das sind laufende Erträge aus Zins- oder Mieteinnahmen, Dividenden und ähnlichem. Nicht ausgeschüttet werden üblicherweise Wertsteigerungen der Aktien oder Immobilien – selbst, wenn diese dauerhaft und Teil der erwarteten Rendite sind. Von der Gesamtrendite aus ordentlichen Erträgen und Wertsteigerung kommt daher beim Anleger nur ein Teil direkt an. Der Rest mehrt den Wert des Wertpapiers.

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Der ideale Stiftungsfonds schüttet auch Wertsteigerungen aus

Auch wenn das Problem der einbehaltenen Erträge dank der Stiftungsrechtsreform nicht mehr ganz so groß wie früher ist. Optimal ist es immer noch nicht, da Wertsteigerungen durch teure „Raus-Rein-Geschäfte“ realisiert werden müssen (siehe Stiftungen und der Umschichtungsgewinn).

Vermeidbar sind diese, wenn auch die anderen Erträge ausgeschüttet werden, so dass es zu keiner Wertsteigerung kommt. Aus Stiftungssicht ideal sind daher Produkte, welche die gesamte durchschnittlich erwartete Rendite ausschütten. Gewünschte Wertschwankungsreserven oder Inflationsausgleich können Stiftungen durch Zuführung von bis zu 1/3 der Ausschüttung selbst vornehmen.

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Bieten thesaurierende Anlagen Stiftungen einen Mehrwert?

Nun bietet gerade die Stiftungsrechtsreform Anlass, über ein Engagement in thesaurierende Anlagen nachzudenken. Könnte es sein, dass diese – trotz der beschriebenen Umschichtungsnachteile – von Interesse sind? Weil sie eine höhere Renditeerwartung und/oder einen Diversifikationseffekt zu dem bestehenden Portfolio haben? Wie anderweitig begündet, ist die risikoadjustierten Renditeerwartung aller Anlagen gleich. Kostenintensives Umschichten aus Gründen einer höheren Rendite lohnt sich also in der Regel ex-ante nicht.

Anders sieht es mit Anlagen aus, die ein komplett anderes Risikoprofil als klassische Kapitalmarktanlagen aufweisen. So z.B. Katastrophenanleihen, Solar- und Windparks oder Infrastrukturanlagen. Sollten solche oder ähnliche Anlagen nur in thesaurierender Form angeboten werden, könnte der Diversifikationsvorteil den Nachteil der Umschichtung überkompensieren. Allerdings hat die Anlage in nicht börsennotierten Anlagen andere Nachteile.

Thesaurierende Fonds sind genau zu prüfen

Im Rahmen einer sehr differenzierten und ausgefeilten Anlagepolitik, welche alle möglichen Anlageklassen zur bestmöglichen Diversifikation ausnutzen möchte, mag es theoretisch notwendig sein, sich thesaurierender Anlagen zu bedienen. Allerdings wurde anderweitig gezeigt, dass auch mit ganz „gewöhnlichen“ – den Stiftungen vertrauten – Anlagen wie Wertpapier- und Immobilienfonds oder ETFs eine sehr gute Diversifikation erreicht werden kann. Für die allermeisten Stiftungen gibt es somit keinen Grund, thesaurierende Anlagen zu erwerben. Allen neuen Anlagemöglichkeiten ist also mit gesunder Skepsis zu begegnen. Das bekannte Anlageuniversum reicht vollkommen aus.

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Zusammengefasst

Das Hinzuziehen thesaurierender Fonds für das Zusammenstellen eines Fondsportfolios für eine Stiftung kann eine Spielart sein, dürfte aber eher als taktisches Werkzeug seine Berechtigung finden. Auf strategischer Ebene sollten aus Stiftungssicht vor allem ausschüttende Fonds jene sein, die zuerst auf eine Auswahlliste rücken sollten. Nicht weil Thesaurierer schlechte Fonds sind, sondern weil sie die stiftungsspezifischen Anforderungen eben nicht vollumfänglich erfüllen können. Taktisch bzw. ergänzend machen sie an verschiedenen Stellen dennoch Sinn, aber stiftungsgeeignet ist eben doch eine ganz eigene Kategorie von Fonds.

Frank Wettlaufer

Über den Autor
Der Kapitalmarktexperte Frank Wettlauffer berät Stiftungen bei ihren Anlagen – auch pro bono. Er war Spezialfondsmanager bei der Dresdner Bank und langjähriger Leiter der Stiftungsbetreuung von Schweizer Privatbanken. Nach Beendigung seiner beruflichen Tätigkeit gestaltete er auf Wunsch von ehemaligen Kunden wie der terre des hommes Stiftung einen Stiftungsfonds. Mehr Informationen unter www.wettlauffer.ch und www.smart-und-fair-fonds.de.